Wie das Känguruh seinen Schwanz bekam

Vom Schneckenhaus zum Känguru Mirriam, das graue Riesenkänguru, und Warrihn, der kurzbeinige Beutelbär, waren einst Menschen und Freunde. Lange schon lebten die beiden miteinander, aber jeder besorgte seine Geschäfte auf seine Weise. Warrihn hatte eine kleine Rindenhütte gebaut, um sich vor Wind und Regen zu schützen, einen Platz, wo er sein Lagerfeuer anzünden und in kalten Nächten warm schlafen konnte. Mirriam hingegen wohnte viel lieber im offenen Busch. Gern lag er des Nachts unter den hohen Bäumen, wenn der Mond durch die Zweige schien und ein kühler Lufthauch ihn umwehte.
Nun gelang es Mirriam zwar manchmal, den behäbigen Gefährten unter den hellen Sternenhimmel zu locken, aber im Grunde war Warrihn nur glücklich, wenn er dicht zusammengerollt in seiner Behausung lag und friedlich schnarchte. Hin und wieder spottete der Kängurumann ein wenig über diese Angewohnheit, doch ansonsten vertrugen sich die beiden ganz gut und verbrachten einen glücklichen Sommer.
Dann kam der Winter, und in der Dunkelheit fegte ein bitterkalter Wind über das Land. Zitternd kauerte Mirriam in einer flachen Erdmulde und versuchte verzweifelt, sich warm zuhalten. Immer noch war er stolz darauf, dem bösen Wetter zu trotzen, während der ängstliche Beutelbär versteckt unter dem niedrigen Dach seiner muffigen Hütte lag.
Nach einiger Zeit begann es heftig zu regnen. Sturzbäche eisigen Wassers wurden vom Sturm daher getrieben, die den frierenden Kängurumann bald bis auf die Knochen durchnässten. Dichter Hagel prasselte herab, und je heftiger das Unwetter tobte, desto verlockender erschien ihm nun Warrihns enge Behausung. Vor seinen Augen glänzten die glatten Rindenwände im Schein der Flammen, der Raum war erfüllt von der wohligen Wärme des Feuers. Bei dem Gedanken an einen erquickenden Schlaf im Trockenen hielt es Mirriam schließlich einfach nicht mehr aus. Er sprang auf, kämpfte sich durch Wind und Regen bis zur Hütte vor und klopfte.
"Wer ist da?" fragte eine verschlafene Stimme.
"Ich bin es", rief Mirriam zähneklappernd, "ich bin ganz nass und mir ist kalt. Lass mich hinein." "O nein, du kannst unmöglich Mirriam sein", lachte Warrihn. "Der schläft doch so gern draußen an der frischen Luft. Ich glaube, du machst nur seine Stimme nach, um mich zu täuschen."
"Hör endlich auf, dich über mich lustig zu machen", schrie Mirriam ganz erbost. "Es ist kalt, und ich friere." "Daran bist du selbst schuld", antwortete Warrihn. "Ich wollte dir ja helfen, eine eigene Hütte zu bauen. Aber du hast mich ausgelacht und gesagt, es sei dumm, sich vor ein bisschen Wind und Regen zu verkriechen. Außerdem ist hier drin gar kein Platz mehr."
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, zwängte sich Mirriam durch den schmalen Eingang: "Das wäre geschafft", seufzte er. "Rück beiseite, damit ich mich trocknen kann."
"Du bist nass, und außerdem will ich jetzt weiterschlafen", knurrte der Beutelbär. "Wenn du schon reinkommen musst, dann nimm wenigstens nicht auch noch meinen Platz weg. Stell dich an die Wand."
Unter missmutigem Gebrummel rollte sich Warrihn vor dem Feuer zusammen und schlief wieder ein. Mirriam hingegen wurde in eine Ecke gedrängt, genau da, wo ein breiter Spalt in der Hüttenwand war. Unablässig tropfte der Regen hinein, und der eisige Wind blies durch das zugige Loch. Wie immer sich der Kängurumann nun auch drehte und wendete, stets konnte er nur auf der einen Seite trocken werden, denn inzwischen hatte der Regen die andere schon wieder durchnässt. Warrihn aber schnarchte friedlich neben dem Feuer. Finstere Gedanken kreisten in Mirriams Kopf, während er vor Kälte schlotterte und verzweifelt versuchte, die steifen Glieder zu wärmen.
Als der Morgen dämmerte, humpelte das Känguru nach draußen, grub einen dicken Felsbrocken aus dem Schlamm und stapfte zur Hütte zurück. Unterdessen erwachte Warrihn, blinzelte verschlafen in die Runde und wunderte sich, dass der Freund so früh am Tag schon auf war. Im nächsten Augenblick stieß er einen Entsetzensschrei aus und fuhr in die Höhe. Doch da war es bereits zu spät. Vor ihm stand Mirriam, holte weit aus und schmetterte den schweren Stein mit solcher Wucht auf seinen rundlichen Kopf, dass die Stirn von dem furchtbaren Schlag ganz platt gequetscht wurde. Blutüberströmt brach der Beutelbär zusammen, und wie aus weiter Ferne drang ein höhnisches Gelächter an sein Ohr:
"Dies ist die Strafe dafür, dass du den treuen Freund so gering geschätzt hast. Von nun an sollst du auf ewig eine flache Stirn haben und dein Leben einsam in dunklen Höhlen verbringen."
Seit dieser Zeit wohnte Warrihn ganz allein in seinem Bau, den er mit starken Krallen in die Erde grub. Dem ehemaligen Gefährten aber hatte er bittere Rache geschworen. Sorgfältig schnitzte sich der Beutelbär einen Speer zurecht, befestigte einen Widerhaken an der Spitze und nahm seine Schleuder. Dann verfolgte er Mirriams Spur und lauerte auf eine günstige Gelegenheit.
Er brauchte nicht lange zu warten. Durstig lag der Kängurumann am Rand eines Wasserlochs und schlürfte so gierig von dem köstlichen Nass, dass alles andere vergessen war. Leise schlich Warrihn näher heran, legte den Speer in die Schleuder, und schnell wie ein Blitz zischte die Waffe durch die Luft und bohrte sich tief in das Hinterteil des ahnungslosen Mirriam. Mit einem gellenden Schmerzensschrei sprang er in die Höhe. Verzweifelt versuchte er, den Speer abzuschütteln, doch alles Ziehen und Zerren half nichts, bis Mirriam schließlich erschöpft aufgeben musste. "Als Vergeltung für deinen heimtückischen Überfall hast du jetzt einen Schwanz bekommen", lachte der Beutelbär hämisch, ehe er sich wieder in seinen Bau trollte.
Das Känguru aber hat den langen kräftigen Schwanz bis auf den heutigen Tag behalten. Bei seinen weiten Sprüngen steuert es damit, und auch beim Sitzen ist er eine Stütze.

Märchen der australischen Ureinwohner, 13367, Fischer Taschenbuch Verlag 1999, Hsg. Herbert Bolz