Schlangen

Wasserschlangen in allen Stadien

Kundalini

Im Altertum wurde allgemein geglaubt, dass Schlangen nicht wie andere Tiere an Altersschwäche sterben, sondern sich in periodischen Abständen häuten und erneuert oder wieder geboren in einem anderen Leben erscheinen. Die Griechen nannten die abgelegte Haut der Schlange geras, "Altersschwäche", die Melanesier sagen, "die Haut abstreifen" bedeutet ewiges Leben. In einer uralten Version des Schlangenmythos erschuf die zweifache Mondgöttin von Leben und Tod den ersten Menschen. Ihr heller Aspekt hatte den Gedanken, ihn unsterblich wie die Schlange zu machen und ihm die Möglichkeit zu geben, sich zu häuten; aber ihr dunkler Aspekt bestand darauf, dass er sterben und in der Erde begraben werden sollte. In dem italienischen Ausdruck aver più anni d´un serpente - "älter sein als eine Schlange" sind ewiges Leben und Schlangendasein immer noch aufeinander bezogen.
Die alterslose Schlange wurde ursprünglich gleichgesetzt mit der Großen Göttin selbst. Im Hinduismus war die Unendliche Anata die Schlangenmutter, die Vishnu und andere Götter während ihrer "toten" Phase umarmte. Sie war auch die Kundalini, die innere weibliche Seele des Menschen, die sich schlangenhaft zusammengerollt im Becken befindet und durch richtige Yoga-Praxis dazu gebracht wird, sich zu entrollen und durch die Chakren zum Kopf hin aufsteigen und so Erleuchtung bringen.
Die indische Schlangengöttin Kadru gebar alle Nagras oder Kobra-Leute, nährte sie mit ihrem heiligen Mondblut und machte sie so unsterblich. Ihr babylonisches Gegenstück, die Göttin Kadi von Der, ihre Kinder wurden - wie die Nagas - als Wasserschlangen dargestellt. Die Nagas bewachten in ihren unterseeischen Palästen "Schätze von großem Wert und kostbare Steine; mitunter auch Bücher mit geheimen Lehren".
In Ägypten war wie in Indien die erste Schlange eine Totemform der Großen Mutter selbst. Ägyptens archaische Schöpfungsmutter war eine Schlange, Per - Uatchet oder Buto. Die ägyptische Uräus -Schlange war eine Hieroglyphe für "Göttin".
In jeder Mythologie kommt in irgendeiner Form die Weltenschlange bzw. der Schlangendrache vor. Gleich der hermetischen oder gnostischen Schlange, die das Weltenei umschließt, war er ein entscheidendes Symbol indoeuropäischer Religionen. In altnordischen Mythen umgürtet er als Midgard-Wurm das ganze Rund der bewohnten Erde (Midgard), wobei er sich selbst in den Schwanz beißt.

Das geheime Wissen der Frauen, Lexikon von Barbara Walker, Deutscher Taschenbuch Verlag

Die Schlange, die mit der Spirale eng verwandt ist war Symbol des ewigen Lebens. In den Häutungen erkannte man die Fähigkeit zur Wiedergeburt und Regeneration. Sie glitt in Höhlen, verschwand in Erdlöchern - in der Unterwelt, der Welt der Toten. Die Welt entstand aus einem Doppelei, in dessen Mitte sich der Samen (Schlange/Spirale) befand. Spiralen und Schlangen waren die Grundelemente aller Ornamente bis etwa 5000 v. Chr.
Das Mysterium des Lebens lag zu dieser alten Zeit im Wasser, im Ozean, in tiefen Seen und Flüssen. Aus ihnen wurde geboren. Die mystische Verbindung jener alten Zeit war: Schlange, Spirale, Wasser, Gezeiten, Menstruation, Mond, Heilkraft, Sterne Unsterblichkeit und sich selbst erneuerndes Leben - alles Ausdruck der Großen Mutter.
Erst später (als man die Rolle des Mannes bei der Fortpflanzung zu erahnen begann) wurde die Schlange zu einem phallischen Symbol und repräsentierte nun die männliche Sexualenergie. Zuvor wohnte sie in der Göttin selbst. Diese konnte aus sich selbst heraus gebären, Leben schenken und wieder nehmen. Erst ab ungefähr 6000 v. Chr. bekam die Große Mutter einen Geliebten oder Sohn. Jetzt wurden die männlichen Attribute von ihr abgespalten und in verschiedensten Phallussymbolen dargestellt.

Göttin der Gezeiten, Ulla Janascheck, Heyne Verlag, 2002, Best.-Nr. 13/9890